Lieferketten

Nearshoring: Warum Lieferketten näher rücken und was das kostet

Nearshoring statt Fernost: Erfahre, warum deutsche Unternehmen Lieferketten näher holen, welche Standorte sich eignen und wie du die Verlagerung Schritt für Schritt planst.

Von Jonas Berger
12.10.2026
10 Min. Lesezeit
Nearshoring in der Logistik: Lagerhalle mit Waren als Symbol für kürzere Lieferketten in Europa

Foto: Unsplash

Nearshoring ist für viele deutsche Unternehmen von der Notlösung zur strategischen Daueraufgabe geworden. Nach Pandemie, blockierten Seewegen, Handelskonflikten und Exportbeschränkungen für Rohstoffe stellen Einkäufer und Geschäftsführer dieselbe Frage: Wie viel Abhängigkeit von fernen Lieferanten können wir uns noch leisten? In diesem Beitrag erfährst du, warum Lieferketten näher rücken, welche Standorte gefragt sind, was Nearshoring kostet und wie du die Verlagerung strukturiert angehst.

Warum Lieferketten näher rücken

Jahrzehntelang galt eine einfache Formel: Produziert wird dort, wo es am günstigsten ist. Lange Transportwege und große Entfernungen nahmen Unternehmen in Kauf, solange die Stückkosten stimmten. Diese Rechnung geht heute oft nicht mehr auf.

Die Liste der Störungen seit 2020 ist lang. Lockdowns in China legten Fabriken still, Containerpreise vervielfachten sich, Angriffe im Roten Meer zwangen Reedereien zu Umwegen um Afrika. Hinzu kommen geopolitische Risiken: Zölle der USA, Spannungen um Taiwan und chinesische Exportkontrollen für kritische Rohstoffe wie Seltene Erden oder Gallium.

Die Zollpolitik der USA hat zudem gezeigt, wie schnell sich Handelsbedingungen ändern können. Wer seine Produktion breiter aufstellt, kann auf solche Schocks flexibler reagieren und Märkte aus verschiedenen Standorten beliefern.

Für Unternehmen bedeutet das: Resilienz wird zum Wettbewerbsfaktor. Wer liefern kann, wenn andere warten, gewinnt Kunden. Die wichtigsten Treiber im Überblick:

Lieferzeiten: Ware aus Osteuropa ist per Lkw in wenigen Tagen da, Seefracht aus Asien braucht Wochen.

Planbarkeit: Kürzere Wege verringern Lagerbestände und Kapitalbindung.

Geopolitik: Handelskonflikte und Exportkontrollen machen Abhängigkeiten von einzelnen Ländern riskant.

Kundenerwartung: Abnehmer verlangen kurze Reaktionszeiten und individualisierte Produkte.

Nachhaltigkeit: Kürzere Transporte senken Emissionen und erleichtern die Kontrolle von Sozialstandards.

Was ist Nearshoring?

Nearshoring bezeichnet die Verlagerung von Produktion, Beschaffung oder Dienstleistungen in Länder, die geografisch und kulturell nah am Heimatmarkt liegen. Für deutsche Unternehmen sind das vor allem Staaten in Mittel- und Osteuropa, Südeuropa sowie teilweise Nordafrika und die Türkei. Ziel ist es, Kosten, Lieferzeit und Risiko besser auszubalancieren.

Davon abzugrenzen sind verwandte Begriffe, die in der Debatte oft durcheinandergehen:

Offshoring: Verlagerung in weit entfernte Niedriglohnländer, etwa nach Asien.

Reshoring: Rückverlagerung ins Heimatland, also nach Deutschland.

Friendshoring: Verlagerung in politisch verbündete Staaten, unabhängig von der Entfernung.

China plus eins: Ergänzung bestehender Lieferanten in China um mindestens einen weiteren Standort.

Zahlen: Wie abhängig Deutschland noch von Asien ist

Trotz aller Debatten über Derisking bleibt China ein zentraler Lieferant. Laut Statistischem Bundesamt war China 2025 wieder Deutschlands wichtigster Handelspartner. Die Importe aus China stiegen um 8,8 Prozent auf 170,6 Milliarden Euro, während die Exporte dorthin um fast zehn Prozent sanken.

Gleichzeitig wächst der Handel mit den östlichen Nachbarn. Nach Auswertungen des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft lag Polen im ersten Halbjahr 2026 mit einem Handelsvolumen von rund 94 Milliarden Euro auf Rang fünf der wichtigsten Handelspartner. Der Handel mit Tschechien wuchs um 7,8 Prozent auf 62 Milliarden Euro. Zusammen mit Ungarn und Rumänien stehen diese vier Länder für fast 14 Prozent des deutschen Außenhandels und damit für deutlich mehr als China.

Wie groß der Handlungsdruck ist, zeigt eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft vom August 2026. Unternehmen, die kritische Rohstoffe aus China nutzen, befürchten bei weiteren Exportbeschränkungen:

höhere Beschaffungskosten (88 Prozent),

Versorgungsengpässe (71 Prozent),

Produktionsstopps oder Verzögerungen (60 Prozent).

Bemerkenswert: 41 Prozent würden auch zu deutlich höheren Preisen bei Lieferanten aus sicheren Ländern einkaufen. Die Bereitschaft, für Versorgungssicherheit mehr zu bezahlen, ist also gewachsen. Genau dieser Wandel macht Nearshoring für viele Einkaufsabteilungen erst wirtschaftlich argumentierbar.

Hochregallager mit Kartons als Symbol für Nearshoring und kürzere Lieferwege in Europa

Kürzere Wege bedeuten weniger Lagerbestand und mehr Planbarkeit.

Die wichtigsten Nearshoring-Standorte

Welcher Standort passt, hängt von Branche, Qualifikationsbedarf und Kostenstruktur ab. Diese Regionen stehen bei deutschen Unternehmen besonders im Fokus:

Mittel- und Osteuropa

Polen, Tschechien, die Slowakei und Ungarn sind seit Jahren eng mit der deutschen Industrie verflochten, vor allem in Automobil-, Elektro- und Maschinenbau. Sie bieten EU-Binnenmarkt, kurze Lkw-Wege und gut ausgebildete Fachkräfte. Allerdings sind Löhne und Arbeitskosten deutlich gestiegen, und in vielen Regionen herrscht ebenfalls Fachkräftemangel.

Südosteuropa

Rumänien und Bulgarien locken mit niedrigeren Lohnkosten innerhalb der EU. Die Infrastruktur ist teilweise noch im Aufbau, die Wege sind länger als nach Polen oder Tschechien. Westbalkanstaaten wie Serbien oder Nordmazedonien gewinnen ebenfalls an Bedeutung, liegen aber außerhalb der EU.

Südeuropa

Portugal und Spanien rücken ebenfalls stärker in den Blick, etwa für Automobilzulieferung, Textil, Lebensmittel und erneuerbare Energien. Beide Länder bieten EU-Standards, vergleichsweise moderate Arbeitskosten und gute Hafenanbindungen. Spanien punktet zudem mit einem starken Ausbau von Wind- und Solarstrom, was für energieintensive Fertigung interessant sein kann.

Türkei und Nordafrika

Die Türkei verfügt über eine breite Industriebasis, etwa in Textil, Automobilzulieferung und Metallverarbeitung, und ist über die Zollunion mit der EU verbunden. Marokko und Tunesien haben sich als Standorte für Kabelbäume, Textil und Automobilkomponenten etabliert. Hier musst du politische Risiken und Währungsschwankungen genauer prüfen.

Detaillierte Länderanalysen, Zollinformationen und Branchenberichte liefert die Außenwirtschaftsagentur des Bundes Germany Trade & Invest. Wie du neue Märkte grundsätzlich erschließt, beschreibt unser Beitrag zur Auslandsexpansion im Mittelstand.

Chancen und Kosten von Nearshoring

Nearshoring ist selten die billigste Lösung auf dem Papier. Der Wert zeigt sich erst, wenn du die gesamten Kosten über die Lieferkette betrachtest, also inklusive Transport, Lager, Ausfallrisiken und Qualitätskosten.

Die Vorteile im Überblick:

kürzere Lieferzeiten und schnellere Reaktion auf Nachfrageschwankungen,

geringere Lagerbestände und weniger gebundenes Kapital,

weniger Zeitverschiebung und einfachere Abstimmung,

leichtere Qualitätskontrolle durch Vor-Ort-Besuche,

geringeres Risiko durch Handelskonflikte und Exportkontrollen.

Die Nachteile solltest du ebenso klar sehen:

höhere Lohn- und Produktionskosten als in Asien,

hohe Anlaufkosten für neue Lieferanten oder eigene Werke,

begrenzte Kapazitäten und Fachkräfte vor Ort,

Energiepreise, die je nach Land stark schwanken.

Gerade der letzte Punkt wird oft unterschätzt. Wie sehr Energiekosten über die Standortwahl entscheiden, zeigt unsere Analyse zu den Energiepreisen.

Nearshoring in sechs Schritten umsetzen

Eine Verlagerung ist ein mehrjähriges Projekt. Mit diesem Vorgehen reduzierst du Risiken und Fehlentscheidungen:

Lieferkette analysieren: Erfasse, welche Teile aus welchen Ländern kommen und wo kritische Abhängigkeiten bestehen.

Prioritäten setzen: Konzentriere dich zuerst auf Komponenten mit hohem Ausfallrisiko oder langen Lieferzeiten.

Gesamtkosten berechnen: Vergleiche Total Cost of Ownership statt nur Einkaufspreise, inklusive Logistik, Lager, Zöllen und Risikokosten.

Standorte und Partner prüfen: Bewerte Infrastruktur, Fachkräfte, Energie, Rechtssicherheit und Förderangebote.

Schrittweise umstellen: Starte mit Dual Sourcing, also parallelen Lieferanten, statt alles auf einmal zu verlagern.

Steuern und überprüfen: Lege Kennzahlen für Lieferzeit, Qualität und Kosten fest und überprüfe die Entscheidung regelmäßig.

Für den Aufbau eigener Werke oder größere Lieferantenentwicklungen brauchst du oft erhebliche Mittel. Welche Finanzierungsquellen dafür infrage kommen, erklärt unser Beitrag zur Wachstumsfinanzierung.

Was die Verlagerung für deinen Einkauf bedeutet

Eine neue Lieferantenbasis verändert die tägliche Arbeit im Einkauf. Statt weniger großer Bestellungen per Seefracht planst du häufiger, in kleineren Mengen und mit kürzerem Vorlauf. Das verlangt eine engere Abstimmung zwischen Einkauf, Produktion und Vertrieb.

Achte besonders auf diese Punkte:

Lieferantenentwicklung: Neue Partner brauchen oft Unterstützung bei Qualitätssicherung, Prozessen und Zertifizierungen.

Verträge: Regle Währung, Preisanpassungen, Mindestmengen und Ausweichkapazitäten klar.

Transparenz: Digitale Tools für Bestellungen, Sendungsverfolgung und Lieferantenbewertung machen Engpässe frühzeitig sichtbar.

Zoll und Ursprung: Außerhalb der EU entscheiden Ursprungsregeln und Präferenzabkommen darüber, ob Zölle anfallen.

Plane für die ersten Monate bewusst Doppelstrukturen ein. Der alte Lieferant bleibt so lange aktiv, bis der neue stabil liefert. Das kostet kurzfristig Geld, schützt dich aber vor Ausfällen in der Umstellungsphase.

Rechtlicher Rahmen: Lieferkettengesetz und CSDDD

Mit jeder Veränderung der Lieferkette verändern sich auch deine Sorgfaltspflichten. Das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) gilt für Unternehmen ab 1.000 Beschäftigten und verpflichtet sie zu Risikoanalysen und Präventionsmaßnahmen. Die Bundesregierung will die jährliche Berichtspflicht streichen und Bußgelder auf schwere Verstöße beschränken. Die eigentlichen Sorgfaltspflichten bleiben jedoch bestehen, wie die DIHK zur Änderung des Lieferkettengesetzes erläutert.

Auf europäischer Ebene wurde die Lieferkettenrichtlinie CSDDD durch das Omnibus-Paket deutlich entschärft. Sie soll künftig nur noch für sehr große Unternehmen mit mehr als 5.000 Beschäftigten und über 1,5 Milliarden Euro Umsatz gelten. Die Mitgliedstaaten müssen sie bis Mitte 2028 umsetzen, angewendet werden soll sie ab Mitte 2029.

Für Nearshoring ist das eine gute Nachricht: Lieferanten innerhalb der EU unterliegen denselben Arbeits- und Umweltstandards wie du. Das senkt Prüfaufwand und Reputationsrisiken spürbar.

Zwei Mitarbeiterinnen prüfen Ware im Lagergang einer europäischen Lieferkette

Lieferanten in der Nähe lassen sich leichter besuchen und kontrollieren.

Nearshoring ist kein Allheilmittel

So überzeugend die Argumente sind, Nearshoring löst nicht jedes Problem. Viele Vorprodukte und Rohstoffe gibt es nur in Asien in ausreichender Menge oder Qualität. Eine vollständige Abkopplung wäre für die meisten Unternehmen weder machbar noch wirtschaftlich.

Erfolgreiche Unternehmen setzen deshalb auf eine hybride Lieferkette: kritische und zeitsensible Teile aus der Nähe, standardisierte Massenware weiterhin aus Asien, ergänzt um strategische Sicherheitsbestände. Automatisierung kann zudem helfen, höhere Lohnkosten in Europa auszugleichen und den Fachkräftemangel zu entschärfen. Wie stark dieser Engpass das Wachstum bremst, zeigt unser Beitrag zum Fachkräftemangel.

Behalte außerdem die Absatzseite im Blick. Wer Produktion verlagert, verändert oft auch seine Präsenz auf wichtigen Märkten. Welche Märkte für die deutsche Exportwirtschaft an Bedeutung gewinnen und verlieren, analysiert unser Beitrag zur Exportwirtschaft.

Fazit: Nearshoring als Baustein einer robusten Strategie

Nearshoring ist mehr als ein Trend. Für viele Mittelständler ist es eine Antwort auf eine Welt, in der Lieferketten unsicherer, Handelskonflikte häufiger und Kunden ungeduldiger werden. Die Zahlen zeigen, dass der Handel mit den östlichen Nachbarn wächst, während die Abhängigkeit von China bei Importen hoch bleibt.

Entscheidend ist, dass du nicht aus Panik verlagerst, sondern auf Basis einer sauberen Analyse. Berechne die Gesamtkosten, starte mit kritischen Teilen und baue schrittweise zweite Bezugsquellen auf. So machst du deine Lieferkette widerstandsfähiger, ohne die Wettbewerbsfähigkeit aufs Spiel zu setzen. Und denke daran: Eine robuste Lieferkette ist kein einmaliges Projekt, sondern eine Daueraufgabe, die du regelmäßig an neue Risiken anpassen solltest.

Häufige Fragen zum Nearshoring

Was ist der Unterschied zwischen Nearshoring und Reshoring?

Beim Nearshoring verlagerst du Produktion oder Beschaffung in nahegelegene Länder, aus deutscher Sicht etwa nach Polen, Tschechien oder in die Türkei. Beim Reshoring holst du die Wertschöpfung komplett ins Heimatland zurück. Reshoring bietet maximale Kontrolle, ist aber wegen hoher Lohn- und Energiekosten in Deutschland meist teurer. Viele Unternehmen kombinieren beide Ansätze.

Welche Länder eignen sich für Nearshoring?

Für deutsche Unternehmen stehen vor allem Polen, Tschechien, die Slowakei, Ungarn und Rumänien im Fokus, weil sie zum EU-Binnenmarkt gehören und per Lkw schnell erreichbar sind. Außerhalb der EU gewinnen die Türkei, Serbien, Marokko und Tunesien an Bedeutung. Entscheidend sind Branche, Fachkräfteangebot, Infrastruktur, Energiepreise und politische Stabilität.

Ist Nearshoring teurer als Produktion in Asien?

Auf den Stückpreis bezogen meist ja, weil Löhne in Europa höher sind. Rechnest du jedoch die Gesamtkosten, sieht es oft anders aus: Transport, Lagerhaltung, gebundenes Kapital, Qualitätsprobleme und Lieferausfälle fallen geringer aus. Deshalb solltest du immer die Total Cost of Ownership vergleichen und die Kosten möglicher Störungen einbeziehen.

Wie lange dauert eine Verlagerung der Lieferkette?

Das hängt vom Umfang ab. Einen zweiten Lieferanten für ein einzelnes Bauteil zu qualifizieren, dauert oft mehrere Monate. Der Aufbau eines eigenen Werks oder die Verlagerung ganzer Produktlinien kann zwei bis vier Jahre beanspruchen. Plane deshalb schrittweise und beginne mit den Komponenten, bei denen das Ausfallrisiko am größten ist.

Welche Rolle spielt das Lieferkettengesetz beim Nearshoring?

Das Lieferkettengesetz verpflichtet größere Unternehmen, Risiken für Menschenrechte und Umwelt in ihrer Lieferkette zu analysieren und zu verringern. Beim Nearshoring in EU-Staaten sinkt dieser Aufwand, weil dort vergleichbare Arbeits- und Umweltstandards gelten. Außerhalb der EU bleibt eine sorgfältige Prüfung der Lieferanten nötig, auch wenn die Berichtspflichten künftig entfallen sollen.

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